Katharina Duwe

»Off Space« - Interview

Jill A. Koenig, Solivagus Verlag, Kiel, 2022

Interview zur Jahresausstellung »Off Space« des Ernst Ludwig Kirchner Vereins Fehmarn e.V.


Jill Koenig: Frau Duwe, Sie haben die Ausstellung „Off space“ genannt. Welche Räume sollen denn für den Betrachter im „Off“, also außerhalb der Leinwand, durch Ihre Bilder sichtbar werden?

Katharina Duwe: Dazu habe ich ein sehr schönes Filmbild im Kopf, mit dem ich gern beginnen möchte. Ich habe kürzlich einen Film gesehen mit einem Standbild, einer relativ komplexen, urbanen Situation, die aber ansonsten ziemlich nüchtern war. Plötzlich tauchte am unteren Bildrand ein Scheinwerfer auf, der das ganze Bild veränderte, ohne dass das Objekt, das diesen Scheinwerfer ausgelöst hatte, sichtbar wurde. Man konnte sich zwar vorstellen, dass es ein Auto ist, aber man sah es nicht.

Was passiert dann im Kopf des Betrachters? Der Betrachter muss seine Vorstellung entwickeln und seine Imaginationskraft. Er ist automatisch ein aktiver Akteur in diesem Geschehen und das finde ich eine ganz tolle Sache. Wenn Malerei das leisten könnte, dann wäre ich sehr glücklich. Ich bin natürlich auf ähnlichen Pfaden unterwegs, aber ob die Malerei das tatsächlich leistet, das weiß ich nicht.

In meinen Bildern ist es so, dass die Bildräume alle urbane Situationen enthalten, die es so nicht gibt. Das sind also unbekannte Orte, die aber durchaus bekannte Details enthalten, zum Beispiel Gebäudeteile oder Pflanzenteile, sodass der Betrachter schon etwas wiedererkennt, womit er sich wahrscheinlich anfreunden kann. Aber er wird eben in einen Raum entführt, der so ganz unbekannt ist und der so nicht existiert. Das ist dann ein Raum, der den Betrachter aktiv im Bild beteiligt, indem er sich diese Szenerie erobern muss. Sie ist also nicht so, dass man sagt „Das ist schön. Das erkenne ich wieder.“ und man lehnt sich zurück und ist befriedigt, sondern man muss auch aktiv seinen Kopf anstrengen – das wäre zumindest wünschenswert. Ob das auch passiert, weiß ich nicht, aber das ist so ein Gedanke dabei.

Außerdem ist es so, dass meine städtischen Bilder und die Naturbilder nicht in dem Bildviereck eingefangen sind, sondern sie wuchern noch über das Bildviereck hinaus. Das Bild dehnt sich also in den Raum aus. Die Häuser, die an dem Rand oft angeschnitten sind, die kann man dann weiterdenken oder auch die Pflanzenteile. Da kann man sich vorstellen, wie sie weiter in den Raum reinwuchern, ohne dass das der Fall ist. Das ist so der Gedanke zu dem Begriff "Off space", dass das also ein ungewohnter Ort ist, der zum Denken anregt.

K: Die Bilder wirken ja auch wie Bildausschnitte einer Stadtkulisse. Man kann noch die Stadt drumherum sehen und sich vorstellen, wie es jenseits der Leinwand weitergeht.

D: Genau, das ist die Idee. Aber das hört sich jetzt auch so unglaublich durchdacht oder reflektiert an. Letztendlich ist es so, dass diese Bildformen, die ich entwickle, aus meiner Haltung zur Welt, aus der Art und Weise, wie ich die Welt betrachte und wie ich mich selbst in der Welt fühle, entstanden sind, das muss ich jetzt nochmal dazu sagen. Es ist nicht so, dass ich mir überlegt habe „Ich möchte jetzt das erreichen und deswegen mache ich das so.“ – wenn das dabei herauskommt, dann wäre es natürlich toll. In erster Linie ist es aber meine Möglichkeit, wie ich die Welt interpretiere und wie ich sie mir mithilfe der Malerei verständlich mache.

K: Könnten Sie Ihre Haltung zur Welt genauer beschreiben, wie Sie sich zu ihr fühlen?

D: Ich fühle mich als ein aktiver Bestandteil des aktuellen Geschehens. Ich nehme natürlich, wahrscheinlich wie alle anderen auch, unglaublich Anteil an dem, was uns augenblicklich bewegt: an der Zerstörung der Natur, der Klimaveränderung, dem Krieg, an allem was uns ausmacht. Dazu gehören auch die Städte, wie die Städte aussehen, die Tatsache, dass alte Häuser abgerissen werden, weil es darum geht, mit Neubauten mehr Geld zu verdienen und immer so weiter.

Dieses Ganze, was uns umgibt, reflektiere ich ständig und mache dann Malerei, in die das alles einfließt. Ich stelle permanent eine Frage an die Welt: Wo wollen wir hin? Was bleibt? Wie wollen wir leben? Was ist unsere Wunschvorstellung? Wie können wir das aushalten, was uns gerade irgendwie passiert? und so weiter. Ich bin sozusagen eine Fragende.

K: Sie verwenden in vielen Bildern Eitempera, Acryl und Öl zusammen. Wie hat sich die Arbeitsweise mit diesen drei Bestandteilen entwickelt? Warum haben Sie diese Farben ausgewählt?

D: Also mit Eitempera habe ich schon sehr früh gemalt, schon an der Kunsthochschule. Das fand ich immer ganz besonders schön, weil man seine Farbtöne selber herstellen kann. Man arbeitet da ja mit Farbpigmenten und einer Emulsion, das heißt der Farbton ist nicht – wie in der Tube – vorgegeben, sondern man kann ihn sehr stark steuern, ihn auch mit anderen Farben mischen und die Farbtöne, die es bei den Pigmenten gibt, die finde ich auch besonders anregend. Dazu kommt noch, dass auch der Farbauftrag, wie das auftrocknet in der Art und Weise wie ich die Emulsion mische, etwa Duffes, Unglänzendes, Natürliches hat, das mir sehr gut gefällt. Außerdem ist es eine wasservermalbare Farbe, genau wie Acryl.

Der Unterschied zu Acryl ist, das Acryl letztendlich Plastik ist, wie der Name schon sagt. Die Farbe ist also irgendwo künstlich und sie bildet auch nicht so einen Farbkörper, wie man das gerne haben möchte als Maler. Dass ich diese beiden Farben öfter zusammen benutze, hängt damit zusammen, dass man mit Wasserfarbe sehr spontan arbeiten kann, ohne lange nachzudenken. Man kann immer wieder korrigieren und man kann in das Bild reinsteigen, ohne dass man sich ganz klar überlegen muss, wie soll es jetzt am Ende aussehen. Also es ist eine große Spontaneität damit gegeben.

Die Ölfarbe ist dann notwendig, um eine Tiefe herzustellen. Ohne die Ölfarbe würde ich diese Tiefe, diese Dreidimensionalität, die Malerei auch haben kann, wahrscheinlich nicht hinbekommen. Und ich finde, dass man auch immer dicht rangehen können muss an eine Malerei. Von Dichtem muss es dann auch immer noch für sich, als abstraktes Gebilde, gut sein. Es muss sozusagen gehaltvoll sein, eine Tiefe haben. Nach meiner Erfahrung kann ich das mit diesen Materialien am besten hinbekommen.

Die Ölfarbe setzt allerdings immer erst am Schluss Akzente und geht auch nicht über das ganze Bild rüber, sondern wird punktuell von mir eingesetzt, um wirklich Tiefe zu erzeugen und Sattheit, satte Farben.

K: Wenn man also ganz nah dran ist an dem Bild und vielleicht gar nicht mehr das Motiv erkennt, das man aus größerer Entfernung erkennen würde, sind da noch immer Strukturen und es ist irgendwie plastisch.

D: Es muss so sein, dass man da gern draufguckt und sagt „Oh, das ist echt schön. Das ist jetzt ein angenehmer Fleck, den mag man sich gerne angucken.“ und nicht, dass man sagt „Das ist jetzt aber ein bisschen luschig.“ In den Bildern ist es so, dass das Spontane natürlich immer sehr schön ist, aber dann kommt es auch darauf an, dass es in sich stimmig ist als Bild und dass also auch jede Ecke irgendwie durchdacht ist. Das ist teilweise sehr anstrengend, weil ich das oft gar nicht sehe. Da muss ich also erstmal eine Woche dazwischen haben oder zwei. Dann hole ich mir das Bild wieder raus und denke „Ach du liebe Zeit! Was ist denn das! Das ist ja furchtbar unsauber gemalt, da muss ich wieder ran.“ (lacht) Das ist so der Prozess.

K: Und wie lange dauert dieser Prozess? Wie oft müssen Sie nochmal draufschauen im Durchschnitt, bis Sie sagen „Ja, jetzt ist das Bild gut, jetzt ist es fertig.“?

D: Das ist natürlich sehr unterschiedlich. Also bei einigen Bildern ist es – jetzt habe ich gerade so etwas am Wickel – das ist spontan einfach wirklich toll hingesetzt und da überlegt man sich schon, ob es jetzt so nötig ist, dass es ganz sauber ist oder lässt man das jetzt vielleicht lieber so. Wenn man nämlich anfängt, das zu durchdenken, dann wird es auch automatisch steifer und irgendwie festgezurrter. Also es gibt auch Bilder, die dann so bleiben und in denen nur noch so ganz kleine Elemente verändert werden, wo ich es nicht so schön finde.

Wenn man jetzt eine Zeitspanne anlegen würde, bei den großen Bildern beispielsweise, die 1,30 x 2,20 m sind, wie viele meiner Bilder, dann muss ich dafür eigentlich immer ungefähr zwei Monate rechnen. Der erste Durchgang sieht dann oft schon sehr gut aus, aber dann fängt erst die eigentliche Arbeit an.

K: Kommen wir von der Produktion der Bilder einmal zu der Inspiration für die Bilder. Sie sind ja in Hamburg geboren und aufgewachsen, haben dort studiert und auch Ihre Karriere hat dort begonnen. Es scheint aber so zu sein, dass nur New York Sie als Stadt so richtig inspiriert hat. Hat sich das mittlerweile geändert?

D: Tatsächlich fahre ich nächste Woche wieder hin! (lacht) Ich freue mich schon!

Also die Reisen, die ich dorthin unternommen habe, die waren immer in irgendeiner Weise anders und das hat mich schon sehr stark inspiriert. Diese Erfahrungen wirken nach. Es hat sich natürlich etwas verändert, aber New York war für mich einfach ein ganz starker Impulsgeber.

Als ich zum ersten Mal da war, das war 2006, da war ich wirklich – natürlich, wenn man hier aus Hamburg kommt und Hamburg ist ja unheimlich geordnet und wirkt natürlich gegenüber New York auch total provinziell – , besonders als visueller Mensch, angefasst von dieser unglaublichen Energie, die in der Stadt ist und dieser Flut von Eindrücken, die man gar nicht so schnell verarbeiten kann, die aber ein El Dorado an Eindrücken und Einfällen für Malerei für mich bedeutet haben. Also das war wirklich wie so ein Becken, aus dem man unendlich schöpfen kann, und so hatte ich auch angefangen. Die ersten Bilder waren so ganz flüchtige, atmosphärische Eindrucksbilder und das hat sich dann langsam immer weiterentwickelt. Aber dass ich mich überhaupt wieder mit der Stadt so beschäftigt habe, das ist letztendlich durch diesen Impuls New York gekommen und da bin ja immer noch dabei, bei dem Thema Urbanität. Insofern bin ich jetzt sehr gespannt, wenn ich wieder hinfahre, ob das auch so weitergeht und ob ich wieder etwas Neues mitbringe, was dann ein paar Jahre ausgearbeitet werden kann.

K: Also scheint es auf jeden Fall New York zu bleiben.

D: Naja, das ist allerdings auch ein bisschen zufällig, weil ich da eingeladen wurde. Wenn es vielleicht Shanghai gewesen wäre oder eine andere Stadt, wäre es möglicherweise ähnlich gewesen. Im Grunde genommen hat das etwas mit der verdichteten Stadtenergie zu tun und mit dieser unglaublichen kulturellen und auch internationalen Vielfalt, wo viele Dinge aufeinanderprallen. Das haben wir hier ja nicht so, dagegen ist das hier sozusagen langweilig.

K: Aber trotzdem kommen Sie zurück. Sie hätten ja vielleicht auch in New York malen können.

D: Schon, aber dazu braucht man ja erstmal die finanzielle Grundlage und die hatte ich natürlich nie. Ich habe hier mein Atelier, das auch weiterlaufen muss. Das hat sich nie ergeben.

Wir denken ganz häufig darüber nach, ob man unbedingt genau da sein muss, wo man seine Inspiration herbekommt oder ob man einfach einen ruhigen Raum braucht. Man kann ja immer wieder rausgehen und sich Eindrücke von irgendwo holen und die dann in diesem ruhigen Raum aufarbeiten. Ich weiß gar nicht, ob das wirklich so gut wäre, wenn ich da jetzt irgendwo in so einem kleinen Raum – einen großen kann man sich ohnehin da nicht leisten – arbeiten würde. Keine Ahnung.

Ich finde auch den Zwischenraum sehr gut. Dass man einfach im Abstand auch Dinge anders betrachten kann, als wenn man mit der Nase unmittelbar draufhängt.

K: Neben der Malerei haben Sie schon viele andere Tätigkeiten ausgeführt: Sie haben sehr viele Kunstprojekte mit Jugendlichen durchgeführt, im Kulturzentrum Marstall oder an der Gemeinschaftsschule Faldera in Neumünster, dann haben Sie an der Muthesius-Kunsthochschule in Kiel gelehrt und an der HAW Hamburg und Sie haben auch als Dozentin der "Pentiment" in Hamburg und der Schlei-Akademie, beides Sommerakademien, gearbeitet und gelehrt. Wie beeinflusst Sie diese Arbeit als Lehrende und als Vermittelnde als Künstlerin?

D: Im Moment beeinflusst mich das wahrscheinlich nicht mehr so. Ganz am Anfang, also nach dem Studium, musste ich irgendwie Geld verdienen und habe dann angefangen, verschiedene Kurse zu geben. Da war es unglaublich gut für mich, das, was man so spontan und ohne Nachzudenken macht, erklären zu müssen. Eine Begrifflichkeit zu entwickeln für das, was man macht, war für mich unglaublich herausfordernd. Ich glaube aber, dass das wirklich eine gute Schule war. Außerdem macht es Spaß, wenn ich jetzt zum Beispiel Leute um mich versammle und ich soll denen erklären, was sie da gemacht haben. Da merke ich immer, wie denen das unheimlich nützt, weil sie verstehen, was ich ihnen sage und das dann bei ihnen weiterarbeitet

Das fand ich tatsächlich eine ganz interessante Geschichte, weil ich immer gedacht habe "Wie soll ich das denn jetzt erklären? Das ist doch ganz normal. Das ist doch selbstverständlich." Aber wie erklärt man zum Beispiel einen Farbklang? Das ist gar nicht so leicht. Das konnte ich dort üben und immer wieder darüber nachdenken, wie man das vermitteln kann, was man für Gleichnisse oder Bilder entwickeln kann.

Inzwischen ist das aber ein bisschen ausgereizt. Was mich aber noch immer fasziniert und was ich auch gern mache, ist, auch mal mit Menschen arbeiten zu können. Die Arbeit im Atelier ist ja eine ziemlich einsame Tätigkeit, bei der man viel mit sich selbst alleine ist. Das Arbeiten mit Menschen finde ich dann immer sehr inspirierend. Es ist eben eine ganz andere Energie und es ist auch unglaublich toll, wenn man sieht, dass man etwas in Bewegung setzen kann. Das gefällt mir unheimlich gut. Wenn man sieht, dass Menschen wirklich erfüllt davon sind, dass sie etwas gemacht haben, was sie sich vielleicht gar nicht zugetraut hatten. Besonders Schüler, die noch gar keine Erfahrung mit dem Malen haben, und plötzlich etwas schaffen, was wirklich ganz gut ist und sich dann darüber freuen können. Das finde ich toll, wenn man das hinkriegt. Deswegen mache ich das immer noch gern.

K: Sie profitieren also vor allem als Mensch davon?

D: Ja, absolut. Trotzdem habe ich mich nie dafür beworben, als Professorin an der Kunsthochschule zu sein, weil ich immer Angst hatte, meine Freiheit zu verlieren. Die Freiheit ist natürlich (lacht) dann auf eine andere Weise oft eingeschränkt, weil man dann Finanzprobleme hat. Aber im Grunde genommen ist das schon ganz gut, wenn man sich sein Leben wirklich ganz frei - relativ frei sagen wir mal lieber - gestalten kann. Also das habe ich nicht gemacht und manchmal denke ich, vielleicht war das gar nicht so gut, vielleicht hätte ich das doch machen sollen. Letztendlich habe ich aber dadurch auch sehr viel Zeit für die Entwicklung meiner eigenen Arbeit gehabt. Das wäre wahrscheinlich nicht so gewesen, wenn ich irgendwo eingestellt gewesen wäre.

K: Kehren wir zurück zu Ihren Bildern. In der Reihe Lichtreflexe sind Sie mittlerweile bei Nummer XXXV – das ist zumindest die höchste Nummer in der Ausstellung. Sie arbeiten dort immer in dem Format 30 x 30 cm. Was fasziniert Sie so sehr an diesem Motiv, also den Lichtreflexen, die Sie darstellen, und auch an der Form, dieser kleinen Leinwand, die sie bemalen?

D: Neulich wurde ich mal von jemandem gefragt, ob ich so etwas nicht auch in größer machen könnte. Da hatte ich das erstmal für mich ausgeschlossen, habe es dann aber doch probiert in einem größeren Format und habe sehr schnell gemerkt, dass das nicht richtig funktioniert. Dieses kleine Format, 30 x 30 cm, ist ein Format, was man relativ gut dicht malen kann und auch gut bewältigen kann. Das ist im Grunde genommen auch nicht zu, wie soll man sagen, …gigantisch. Eine gewisse Spontaneität ist da möglich, weil es eben nicht so nach Bedeutung verlangt. Es ist wie eine Äußerung, die eine dichte Farbwelt ist, die aber nicht den Anspruch auf ein großes Werk erhebt.

Diese Bilder sind für mich wie kleine Notizen. Die sind natürlich nicht skizzenhaft gemalt, aber im inhaltlichen Sinne ist das wie eine Notiz von einer verdichteten Lichtsituation einer Stadt, in der oft überhaupt nicht klar ist, wo das ist. Ist das jetzt im Stadtinneren oder ist das irgendwo eine Spiegelung in einem Haus oder ist das vielleicht sogar eine Spiegelung in einem Fenster oder was auch immer. Ich kann diese Bilder also relativ leichtfüßig und mit viel Freude an der Farbe und an Farbklängen machen. Aber in dem Moment, wo es größer wird, da kommen dann wieder ganz andere Fragen ins Spiel. Da wird es dann schwerer und deswegen bin ich schnell wieder zu dem 30 x 30 Format zurückgekehrt und bleibe auch dabei.

Das ist ein Restbestandteil einer Bilderserie, die ich mal gemacht habe („Stadtfragment“ 2009–2018). Da habe ich immer einen kleinen Ausschnitt aus einem größeren Zusammenhang rausgefiltert. Ich habe Fotos gemacht und habe dann ganz kleine Ausschnitte aus größeren Zusammenhängen genommen und es ging immer um Licht: Menschen, die überblendet sind von Lichtkegeln von Autos, Menschen auf dem Zebrastreifen, das war so ein ganz beliebtes Thema von mir, ein Blick in eine Straßenschlucht, wo lauter Lichter sind und Werbung und so weiter und wo Menschen nur so wie Schemen rumwandeln. Das habe ich dann irgendwann aufgegeben, weil ich das auch als sehr begrenzt empfand. Aber die Lichtreflexe sind als kleines Fragment daraus übriggeblieben.

Ich finde, dass diese nächtlichen Lichtsituationen malerisch unheimlich anregend sind und dass man da auf tolle Farbzusammenhänge kommen kann. Im Grunde genommen steht die Freude an der Malerei da bei mir im Vordergrund.

K: Man sieht auch, dass die Bilder teilweise sehr farbenfroh sind, fast bunt sozusagen.

D: Ja, also „bunt“ (lacht) - da muss ich nochmal Einspruch erheben! Mir geht es eigentlich immer darum, dass ein gewisser Klang entsteht. Das ist nie beliebig, sondern es gibt immer den blauen Klang oder einen leicht violetten Klang oder einen ocker-grün Klang oder einen rosa-grau Klang. Das ist im Grunde genommen das, was mich an diesen Bildern wirklich reizt, dass ich mich, ganz frei von einer Gegenständlichkeit, mit den Klängen beschäftigen kann.

K: Vielen Dank für diese Richtigstellung!

Sie arbeiten aber schon mehr mit großen Formaten als mit den kleinen?

D: Ja, das stimmt. Dieses große Format beinhaltet natürlich eine ganz andere Vorbereitung. Die großen Formate, die sind zwar spontan gemalt, aber davor gibt es eine lange Vorbereitungszeit, in der ich mir genau überlege, wie die Komposition ist und wie ich den Bildraum aufteile und wo jetzt was ist. Es ist eine lange zeichnerische Vorarbeit nötig, um das Bild, dann allerdings spontan, malen zu können und das ist bei den kleinen Bildern überhaupt nicht der Fall. Da kann ich wirklich so anfangen und so lange daran arbeiten, bis es dicht ist. Ich habe da natürlich auch ein Vorbild, meistens Fotos, die ich selbst gemacht habe oder die ich gefunden habe. Aus denen suche ich so lange kleine Ausschnitte, bis ich das Gefühl habe, jetzt entsteht eine Spannung und dann male ich das.

Aber das ist ein ganz anderer Prozess als bei einem großen Bild, wo man auch mal plötzlich so eine Situation erleben kann, dass man sich fragt "Warum mache ich das jetzt eigentlich gerade, was wollte ich da jetzt eigentlich?". Dann ist es natürlich bei einem großen Bild sehr unangenehm (lacht), wenn man schon so viel Arbeit reingesteckt hat. Deswegen ist es sehr wichtig, dass man sehr genau vorher überlegt „Wo soll das hin? Was soll es ausdrücken? Was soll für eine Wirkung rüberkommen?“ und so weiter. Das muss eigentlich alles vorher geklärt sein, aber bei diesem kleinen Format muss es das nicht. Da ist es auch nicht schlimm, wenn mal eins daneben geht, denn dann schmeißt man es eben weg. Das ist nicht so wild.

Aber diese Stadtfragmente, das ist eine Phase, die habe ich jetzt eigentlich ad acta gelegt. Gelegentlich nehme ich mir nochmal etwas vor, aber eigentlich ist das jetzt abgelöst worden durch die Serie, die ich jetzt mache mit der Urbanität, in der es mir darum geht, ein Verhältnis zwischen Urbanität und Natur zu entwickeln. Ich habe zwar noch immer ein paar angefangene Bilder, die ich sicherlich auch beende, und manchmal kann es auch sein, dass ich irgendetwas total toll finde und dann nehme ich das nochmal auf. Aber eigentlich schlägt mein Herz jetzt für diese neuen Bilder, wo es um die Fragen geht "Was bleibt? Was holt sich die Natur alles zurück? Oder machen wir alles platt?". Das sind im Grunde die Fragestellungen, die mich mehr interessieren. Damit bin ich natürlich viel freier, weil ich meine ganz eigene Welt bauen kann. Ich brauche dafür keine bestimmte tolle Situation draußen oder so etwas. Ich bin ganz unabhängig von allem und kann mir alles zusammensuchen, was ich für meine Aussage brauche. Das finde ich einfach ganz toll.

Da knüpfe ich auch an etwas an, das ich früher schon einmal gemacht habe. Ich hatte eine ganze Zeit lang collageartige Bilder gemalt und davor Reliefs gebaut, da bin ich ganz ähnlich vorgegangen. Da habe ich mir aus Werbung oder Zeitung und so etwas Sachen zusammengesucht und die dann neu zusammen gebaut, auf eine andere Art und Weise. Und jetzt mache ich das eben wieder mit Malerei und thematisch zugespitzter als es vielleicht früher der Fall war.

K: Wie zum Beispiel die Vegetation, die in Ihre Bilder häufig collageartig eingearbeitet ist. Diese Vegetation kommt ja seit etwa 2020 vermehrt in Ihren Bildern vor. Bis dahin waren vor allem Straßen, Autos, Menschen und Lichter zu sehen. Was hat sich für Sie geändert, dass sich auch Ihre Thematik und Ihr Fokus verändert haben?

D: Ich glaube, es war so, dass ich selbst fand, dass diese Welt zwar sehr schön war, aber auch ein bisschen den Eindruck erweckte, ich würde die Welt zu romantisch sehen. Ich fand, es entsprach nicht meiner Grundhaltung, die ich so im Allgemeinen demgegenüber habe.

Das ist nur ein kleiner Fokus, diese Stadtbilder, und die bringen aber nicht alles das raus, was mich eigentlich sonst noch interessiert. Das ist mir irgendwann klar geworden, dass ich mich wieder erweitern möchte. Ich möchte einfach aus dem Vollen schöpfen und damit hat das vor allem zu tun. Ein anderer Aspekt ist vielleicht auch, dass man doch das Gefühl hat, dass unsere Welt sich in einem ziemlich katastrophalen Zustand befindet und dass wir sehr unter Druck stehen, irgendetwas machen zu müssen. Dieses Gefühl, so eine unbestimmte Angst, oder besser gesagt, eine große Sorge und unangenehm davon berührt zu sein, wie wenig man eigentlich machen kann, obwohl man immer weiß, es müsste etwas gemacht werden. Dieses Tunwollen ohne etwas tun zu können, und zu sehen, wie vieles den Bach runter geht und diese ganzen schrecklichen Geschichten, wie verschmutze Meere und verschmutzter Weltraum und so weiter – das hat vielleicht so einen Zustand erreicht, in dem ich mich gefragt habe, was ich denn eigentlich tun kann. Und das ist dann ein Ergebnis dieser Überlegung, dass ich als Malerin natürlich dazu Stellung beziehen kann und das auch tue.

Ich bin natürlich keine Realistin, sondern ich tue es auf meine Art und Weise, die eben sehr intuitiv, vielleicht empathisch-intuitiv, fragend ist. Mit meinen malerischen Fähigkeiten, die ich habe, möglichst etwas zu bewirken, was die Menschen auch tangieren könnte, das war vielleicht der Grund. Gerade in dieser letzten Zeit hatten wir die Fridays for Future-Bewegung und vieles weitere. Es ist ja nicht so, dass das keine Spuren in einem hinterlässt, sondern man nimmt das ja alles auf und, wenn man kreativ arbeitet, ist das eigentlich ungewöhnlich, wenn das nicht auch irgendwie wieder rauskommt. (lacht)

K: Sind Ihre Städte jetzt dystopische Orte?

D: Nein, das würde ich eigentlich nicht so sagen, wobei ich manchmal das Gefühl habe, es könnte sich in unserer Realität dazu entwickeln. Aber in meinen Bildern ist das nicht der Fall, weil ich nicht hoffnungslos bin und ich es auch nicht für sinnvoll halte, eine zerstörte und völlig aussichtslose Szenerie zu malen. Das haben wir sowieso als Furchtbild in uns, glaube ich. Sondern es geht mehr darum, zu gucken, wo könnte das Leben doch noch Geheimnisse bereithalten, wo ist noch irgendwie Luft, um Kreativität zu entwickeln, und wo sind Freiräume, wo sich Möglichkeiten für positive Entwicklungen gestalten können. Das ist eigentlich das, was mich mehr interessiert.

Zum Beispiel ist man in Hamburg dabei, alle Orte, die noch vielleicht so etwas Sprödes, Grooviges haben, wo Wildwuchs herrscht, alles platt zu machen, alles schön zu machen und die Plätze aufzuräumen und so zu gestalten, dass sie eigentlich letztendlich unglaublich glatt und uninteressant werden. Das ist genau das, was ich eben nicht möchte. Ich möchte eigentlich zeigen, dass das Leben jenseits dieser Glattmacherei etwas zu bieten hat, was viel mehr ist, was den Menschen auch mehr geben kann, was dem Geist und der Seele mehr geben kann. Das aufzuspüren, finde ich ganz wichtig. Ob mir das gelingt, weiß ich nicht, aber das ist so meine innere Haltung.

Jetzt gerade bin ich auch sehr viel in Großensee und gucke da morgens aus einem Fenster aus dem Souterrain und sehe ein so schönes eingerahmtes Bild von alten Eichen mit ganz knorrigen Zweigen. Ich freue mich jeden Tag darüber und immer sehe ich etwas anderes darin. Das sind doch die Dinge, die einen ausfüllen, finde ich, und die vielleicht Räume eröffnen in einem, die weiter gehen können und die nicht begrenzt sind. Mit dieser Haltung gehe ich in meine Bilder rein. Ich suche irgendwie nach Luft zum Atmen, nach Möglichkeiten, wie eine Welt doch noch weitergehen könnte.


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